Der Schöne und das Biest…

„Aber das ist Tomatensaft!!! Das wird doch wohl gehen!“ In meiner Verzweiflung wird meine Stimme lauter als beabsichtigt. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Hochzeit und wir machen eine Saftkur. Der Herzensösterreicher meinte, es wäre gut, wenn wir uns noch mal vor der großen Feier entgiften. Ich stimmte zu, allerdings in einem Moment wo ich vor Überfressung kaum atmen konnte. Jetzt dürfen wir eine Woche lang nur bestimmte Säfte trinken. Streng nach Plan. Ach, zu essen gibt es morgens etwas aufgeweichten Leinsamen. „Da ist doch nur TOMATE DRIN. DAS WIRD DIE DIÄT DOCH NICHT RUINIEREN!!!!“, versuche ich den Herzensösterreicher zu überzeugen. Mir reichen die vorgeschriebenen Säfte nicht. Ich brauche noch literweise Tomatensaft um das Grummeln in meinem Magen zu ertränken. „Es ist im Plan nicht vorgesehen. Aber bitte, du musst es ja wissen. Übrigens ist das auch keine Diät. Es ist eine Kur.“ Ich könnte schreien, entschließe mich aber zu schmollen. Schon wieder. Der Herzensösterreicher weiß, was zu tun ist. Er lässt mich in Ruhe bis das Gewitter vorbei ist.

Seit Tagen schwanken meine Stimmungen, denn in meinem Kopf schreibe und hake ich ständig To Do-Listen für unseren großen Tag ab. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das alles schaffen werden. Außerdem sind die Langzeitwetterprognosen auch nicht so dolle. Ich bin, um es kurz zu sagen, etwas dünnhäutig. Der zukünftige Gatte nennt das auf kärntnerisch etwas anders: ich bin je nach Gemütszustand eine Geschaftlhuberin, Grantenscherben oder ein anderes Wort mit „G“, wo keiner genau, weiß wie man das schreibt. Ich habe nur Hunger und wahnsinnig viel zu tun.

Es müssen noch die Servietten passend zu den noch nicht ausgesuchten Tischläufern ausgesucht werden. Als mein Lieblingscousinchen mich vor einigen Monaten nach unserem Farbkonzept für die Hochzeit fragte, legte ich nur die Stirn in Falten. „Keine Ahnung! Wir heiraten in Tracht und feiern in einem Stadl.“ Damals wischte ich die Bedeutung eines Farbkonzepts als überflüssigen Schnickschnack zur Seite. Nach einem Telefonat mit meiner Berliner Freundin Steffi bin ich aber dann doch wieder unsicher. Steffi heiratet genau eine Woche vor uns und ist ebenso wie ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Das ist beruhigend. „Unser Farbkonzept ist türkis.“, sagt sie. Ich schlucke. Diese Info lässt mich schockartig noch einmal 1.000 Kalorien verbrennen. Gott, habe ich Kohldampf. Wie viele Liter Tomatensaft kann man eigentlich am Tag trinken? Selbst im lässigen, upgefuckten Berlin gibt es Farbkonzepte.

Ich hole meine Schwiegermama ab. Wir gehen Servietten und Stoff für die Tischläufer kaufen. Theoretisch wissen wir, was wir wollen. Wir brauchen etwas, das farblich und stofflich zu unserem grünen Überdrüber-Tisch-Netz-Läufer passt. Nun stehen wir in diesem wundervollen allerlei Schnulli-Deko-Laden und analysieren Servietten, ob grün und grün sich beißt. Mir wird gleich schwarz vor Augen, doch Schwiegermama stapft entschlossen durch den Laden und lässt sich Servietten-Modelle präsentieren. „Schau mal, Muster oder lieber mit Motiv? Einfarbig ist vermutlich etwas langweilig, aber das musst du entscheiden.“, ermuntert mich Schwiegermama eine Wahl zu treffen. Ich bin ratlos. Damit werden doch nur Münder, klebrige Kinderhände und bekleckerte Kleider abgewischt. Macht sich vorher noch jemand die Mühe und schaut sich das darauf gedruckte Motiv im impressionistischen Stil an? „Es ist natürlich die Frage, wie auffällig die Tischdekoration ist, damit sich die Serviette da harmonisch einfügt.“, erklärt die Verkäuferin. Dabei zerrt sie weitere Servietten aus ihrem Fundus. Ein Königreich für ein Farbkonzept, denke ich. Wir nehmen das aufwendigste Motiv von allen. Soll jetzt noch einer behaupten, mir wäre es Wurscht woran die Essensüberbleibsel unserer Gäste kleben bleiben.

Wir düsen weiter in ein Stoffgeschäft in Klagenfurt. Stoff für Unten-Drunten-Tischläufer stehen auf der To-Do-Liste. Schwiegermama schwärmt: „Wir haben hier alle Stoffe für die Kindertierkostüme der Schulaufführung bekommen und auch so günstig.“ Ich kann nicht nähen. Na ja, ein Knopf an einer wenig prominenten Stelle geht vielleicht noch, aber beim Nähen verhält es sich bei mir ähnlich wie mit dem Basteln.

Wir betreten eine Halle in der Größe eines Baumarktes. Irre. Wenn man hier keinen passenden Stoff für was auch immer findet, dann gibt es diesen Stoff auch nicht bzw. hat den noch niemand erfunden. „Wir müssen strategisch vorgehen. Vielleicht sollten wir uns aufteilen.“, schlägt Schwiegermama vor. Da bin ich schon ganz mit meinen Armen im reichhaltigen quietschbunten Plüsch-Kuschel-Flausch-Angebot versunken.

Ich habe sowieso keine Ahnung, also renne ich in den nächsten Gang allein. Ein Schild zwingt mich zur Vollbremsung. Habe ich mich gerade verlesen? Laut rufe ich in den nächsten Gang: „Elfi komm mal, hier gibt es „Kotzen“. Das musst du sehen.“ Ein paar Leute drehen sich um. Vielleicht war das ein bisschen laut. Tatsächlich heißt hier ein Stoff „Kotzen“. „Ich denke, dieser Name ist nicht sehr verkaufsfördernd.“, lache ich. „Aber Schatzi, das sind doch Decken.“, klärt mich meine Schwiegermutter auf. „Decken heißen hier „Kotzen“???“, pruste ich laut los, „Warum nicht auf kärntnerisch „Speiben“? Ich kann mich nicht beruhigen. Ich bin unterzuckert und etwas müde. Na ja, eigentlich bin ich schon im Zustand „nach müde kommt doof.“ Schwiegermama gießt noch mehr Öl ins Lachfeuer, in dem sie kichernd aus einem anderen Regal einen weiteren Stoff heraus zerrt: „Affenhaut, gemustert.“ Am Ende entscheiden wir uns dann für schnöde Baumwolle.

Wenige Tage später beschließt der Herzensösterreicher, dass wir mal ein bisschen den Kopf frei kriegen müssen. Wir düsen mit 1.300 anderen Bikern zu der Motorradsegnung auf der Kölnbreinsperre, einem riesigen Staudamm. Dass Christian nicht mehr in der Kirche ist und ich nie drin war, geschenkt. Ein Freund von Christian begleitet uns auf seinem Bike. Wir drei sehen richtig rockermäßig aus und fühlen uns auch so. Ich beschließe am heutigen Saftkur-Tag mal nicht zum Biest zu werden. Wir dürfen nur nicht in die Nähe von duftendem Essen kommen. Im Rucksack auf meinem Rücken klirren die Gemüsesaft-Flaschen.

Pinkelpause. Als ordentlicher Biker braucht man kein WC oder gar ein Waschbecken. Der Mensch ist immerhin tausende Jahre durch die Wälder gestreift und strullerte, wo es ihm beliebte. Ich will jetzt nicht unbedingt auf Etepetete-Mädchen machen und auf ein richtiges Klo beharren. Deshalb stolpere ich auf der Suche nach einem unbeobachteten Plätzchen immer tiefer in den Wald. Ich kann nicht bei Publikum. Ich zerre meine Kunstleder-Hose runter und setz mich … voll in die Brennnessel! Super. Echt toll! Das macht ja schon wieder Spaß. Der Herzensösterreicher ist weit genug weg, sonst hätte ich ihn gleich wieder angeschnauzt. Beim Aufstehen wische ich natürlich noch mal mit meinen Oberschenkeln ordentlich durch weitere Brennnesselbüschel. Mit Zornesfalten stampfe ich aus dem Wald. Der Herzensösterreicher und sein Kumpel warten bereits an den Motorrädern auf mich. Ich versuche meine Stimme nicht ganz so garstig klingen zu lassen. „Da sind ganz viele Brennnesseln und ich habe mich voll hinein gesetzt.“, klage ich. „Wieso machst du das?“, antwortet der Herzensmann.

Da ist sie wieder diese Frage, bei der ich mich frage, wieso man sie fragt. Schneide ich mir in den Finger, kommt sie ebenfalls: „Wieso machst du das?“ Was antwortet man darauf? Oder wenn ich etwas suche, dann werde ich auch gefragt: „Wo hast du es denn hingelegt?“. KEINE AHNUNG! WENN ICH DAS WÜSSTE, WÜRDE ICH NICHT SUCHEN! Der Herzensösterreicher schaltet aber gleich und tätschelt mir liebevoll den Hintern: „Aber Flauschi, Brennnesseln sind total gesund.“ Ich beruhige mich wieder und wir düsen weiter.

Oben auf dem Staudamm sind tatsächlich über 1.000 Motorräder. Was für ein Spektakel. Beeindruckend. Dazu Musik, Bier und Bratwurst. Toll. Ich überlege, wo ich Kleingeld habe, um mich der Völlerei hinzugeben. Doch da höre ich hinter mir schon die vertraute Stimme: „Hier Schatzi, dein Gemüsesaft. Jeder darf von uns heute eine Flasche trinken.“ Warum mache ich das alles noch mal mit? Ach ja, ich heirate und anders wäre es ja langweilig. Also hocke ich mich mit dem Herzensmann hinter das Motorrad und wir trinken beide unseren Gemüsesaft. Ganz so öffentlich wollen wir das hier dann noch nicht machen.

Akute Garteritis

BaumarktScheppernd fliegt ein Stapel Übertöpfe zu Boden. Vier von ihnen zerspringen in gefühlt tausend Einzelteile. Mein Kopf läuft sofort rot an. Die herbeieilende junge Baumarkt-Mitarbeiterin mustert mich und den voll beladenen Wagen von oben bis unten. „Alles klar! Städterin! Wahrscheinlich handelt sich um einen akuten Anfall von Garteritis.“, meine ich aus ihrem Blick lesen zu können. Ich nicke ihr zustimmend zu und gemeinsam sammeln wir den Scherbenhaufen auf.

Tatsächlich hat mich heute Morgen die Lust auf’s Garteln gepackt. Unser Garten ist, sagen wir mal, quasi naturbelassen. Das hat sich auch in der Maulwurfszene herumgesprochen. Die Biester haben auf unserem Rasen eine Mini(mundus)-Variante der Alpen nachgebaut. Das will ich nun ändern.

Der Herzensösterreicher ist nicht zu Hause, sondern wird gerade von seinen Freunden polternd durch Kärnten geschleift. Mit ihnen feiert er seine letzten Tage in Freiheit. Im Baumarkt schleife ich dafür gerade einen 70 Liter Sack Pflanzenerde über den Boden Richtung Einkaufswagen. Klar, ich hätte auch zwei Mal 40 Liter nehmen können. Das käme mich aber zwei Euro teurer. Zwei knackige junge Herren mit muskulösen Waden beobachten amüsiert, wie ich wankend, schwitzend und fluchend den Sack quer auf den Einkaufswagen bugsiere. Die hohe Kunst dabei? Nicht die Blumen zu zerdrücken, die ich vorher dort schon liebevoll im Körbchen angeordnet habe. Ich wuchte den Sack quer auf den Einkaufswagen und eiere damit Richtung Kasse. Ein Gartenschlauch auf dem Boden in der Abteilung „Schnullibubs für innen und außen“ stoppt mich. Selbst mit viel Schwung kriege ich den Wagen nicht darüber. Also entscheide ich mich für den schmalen Gang. Dort lauert schon provokant das übervolle Übertopf-Regal auf mich. Herausfordernd steht es aufgetürmt vor mir, fast als wolle es mir sagen: nüscht ist. Da kommst DU nicht vorbei. Es hat Recht behalten.

Nun stammle ich gegenüber der Mitarbeiterun Entschuldigungen – natürlich benenne ich noch den Agent Provocateur des Unglücks: den Gartenschlauch. Die Mitarbeiterin winkt ab. Wahrscheinlich ist sie es leid, dass immer die Schläuche die Täter sind. Mir bleibt es peinlich und mein knallroter Kopf will einfach nicht wieder die normale Farbe annehmen . Ich schicke ein kleines Stoßgebet Richtung Himmel und hoffe, dass meine Schneise der Verwüstung nicht weiter fortgesetzt wird. Ich weiß noch nicht, wie ich diesen ganzen Krempel ins Auto kriegen, geschweige denn ins Haus hinauf tragen soll. Dabei bin ich ja die Schlepperei eigentlich gewöhnt.

Als ich aus meiner letzten WG in eine eigene Wohnung gezogen bin, habe ich den Umzug quasi mit der U-Bahn gemacht. Damals entdeckte ich am schwarzen Brett an der Uni, dass eine Kommilitonin ihre 40 Umzugskartons für nen Appel und nen Ei loswerden wollte. Ich hatte noch eine winzig kleine, klapprige Sackkarre von IKEA. Auf dieser fesselte ich mit reichlich Strippe die Pappmassen und rollerte von Berlin- Wedding bis nach Berlin-Neukölln. Der gemeine Berliner wird wissen, da sind viele schmale Fußwege, ein paar U-Bahnstationen mit reichlich kaputten Fahrstühlen und dafür umso mehr Treppen dazwischen. Pappe kann ja so unfassbar schwer sein. Und schrottige IKEA-Sackkarren kann man so leidenschaftlich hassen. Nach eineinhalb Stunden Reisezeit und der Fahrt durch unfassbar vieler Hundehaufen kam ich dann auch fix und fertig in meiner alten WG an. Mein Muskelkater hielt eine Woche an. Stolz erzählte ich überall, dass ich auf Autos gut verzichten könne. Die Kartons haben übrigens dann noch drei weitere Umzüge von Freunden und Verwandten mitgemacht.

Ich stopfe meinen Baumarkt-Garten-Großeinkauf ins Auto. Seit ich in Österreich bin, geht eigentlich nichts mehr ohne Auto. In Berlin hatte ich ein klappriges Fahrrad, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel und bequeme Schuhe. Tatsächlich kann man auf diese Weise mehr transportieren als man glaubt. Zusammen mit Freunden haben wir so Farbeimer, Leitern und Möbelstücke von einem Ort zum anderen geschafft.

Danach grillten wir gern in den Berliner Parks. Das war zwar in den meisten verboten, aber eigentlich haben es alle gemacht. Ein Ex-Schwarm von mir hatte einmal einen riesigen Webber-Grill auf seinen Gepäckträger gebunden und radelte mit mir und seinen halben Hausstand in den Treptower Park. Er hatte kein Vertrauen zu meinem 5-Euro windschiefen Grill, an dem sämtliche Schrauben fehlten – also alle drei. Nach der Grillerei hätte derselbe Ex-Schwarm fast den Park in Brand gesetzt. Er warf die noch glühende Grillkohle in einen der herumstehenden Mülleimer. Der fing sofort an zu brennen. Der Berlin-Auskenner weiß, der Park liegt direkt an der Spree. Löschen dürfte eigentlich kein Problem sein. Wir hatten aber nur unsere Plastikbecher. Und mit diesen flitzten wir dann zwischen Spree und brennenden Mülleimer umher und schütteten 0.2 frisch geschöpftes Spreewasser auf das Feuer. Immer wieder. Das Feuer hatte wohl irgendwann Mitleid mit uns und gab auf.

Überhaupt der Treptower Park. Für mich ist das eigentlich der schönste Park. Sobald es warm war, lebten, liebten und feierten wir dort ganz viel. Mit meiner großen Berliner Liebe veranstalteten wir dort für Freunde einmal mal ein Weißwurst-Frühstück. Mit Campingkocher, Picknickdecken und natürlich mit Bier sowie süßem Senf schlugen wir unser Lager auf der Liegewiese auf. Wir waren so um die 15 Studenten und futterten, was das Zeug hielt. Es war an diesem Tag recht warm. Um 10 Uhr Morgens fielen wir dann hackenstramm in ein Weißwurst-Koma. Oder lag es vielleicht auch am Bier? Nichts genaues weiß man. Auf jeden Fall schliefen wir alle dort erst mal bis zum frühen Nachmittag auf dem Rasen. Am Nachmittag verputzten wir dann ganz unbayuwarisch die restlichen Weißwürste mit Bier und Brezeln.

Ich wuchte die 70 Liter Pflanzenerde über die Treppe nach oben ins Haus und dann rauf auf die Terrasse. Mit Spaten und Heckenschere bewaffnet mache ich mich daran, die mit Disteln bewucherten Steintöpfe zu befreien. Dornen können ja so wehtun. Ich wundere mich, wie empfindlich die Haut an den Oberschenkeln ist. Um ein paar Pigmente zu haschen, habe ich mich extra in eine kurze Hose geschmissen. Beim Ringen mit den Disteln bereue ich das schon wieder. Wenn wir in Berlin ein bisschen Farbe abkriegen wollten, sind wir auch in den Park gegangen. Der Balkon von meiner letzten WG war unbenutzbar. Wir hatten eine große Straße davor, wo die LKWs und Busse entlang brausten. Dahinter kam dann gleich die S-Bahn. Beim Versuch, dort einmal die Wäsche zu trocknen, bin ich fast taub geworden. Die Wäsche duftete hinterher schön nach Abgasen – hmmm.. Berliner Luft

Eine kleine Eidechse springt so plötzlich aus dem Topf, dass ich den Spaten fallen lasse. Mit dem habe ich eben noch die störrischen Wurzeln des Unkrauts zerhackt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Eidechse im Treptower Park gesehen zu haben. Die Tierwelt des Parks trat auch eher in der Dämmerung in Erscheinung. Einmal hatte ich dort ein Liegematten-Date mit einem skandinavischen Herzblatt. Es war schon irgendwie romantisch so umschlungen in der Matte zu liegen, während unter uns pfeifend die Ratten entlang flitzten.

Mein Handy klingelt. Der Herzensösterreicher meldet sich von seinem Junggesellen-Abschied um mir seine Liebe zu gestehen. Ich höre aber mehr den vielen Zirbenschnaps heraus, der ihm von seinen Freunden eingeflößt wurde. Gern würde ich ihm erzählen, inwieweit die Auswirkungen meiner akuten Garteritis sichtbar sind. Das muss bis morgen warten. Stattdessen google ich nach Hängematten.

Namensänderungen …

Bevor ich meine Hose in die Wäsche schmeiße, fasse ich noch mal in die Taschen. Ein typischer Reflex von mir. Ich greife in etwas Klebriges mit Stiel. Der halb gegessene Lutscher in meiner Hosentasche entwickelt schon einen krümelig haarigen Pelz. Es ist das Überbleibsel eines turbulenten Wochenendes. Wir hatten die Töchter des Herzensösterreichers zu Besuch. Da geht es immer wild zu. Die beiden sind im Kindergarten-Alter und halten uns ordentlich auf Trab. Mir rieselt noch etwas Sand aus Haaren und ich sehe runter zu meinen Knien: sie schimmern in allen Farben. Ich habe blaue Flecke überall. Gott sei Dank ist noch nicht so richtig T-Shirt und Röckchen-Wetter.

Wenn wir die Mäuse haben, ziehen auch wir in der Regel unsere Spielsachen an. Dann ist es nicht so tragisch, wenn klebrige, schmutzige kleine Kinderhände und Kindermünder sich auf Hose und Shirt verewigen. Seit dem zurück liegenden Wochenende denke ich nun über eine Namensänderung nach. „Gut, jetzt wissen es alle …“, halb belustigt, halb resigniert greife ich dem Herzensösterreicher ans Knie, während er unseren VW-Bus zu uns nach Hause lenkt, „… wir sind Familie Flodder!“ Der Herzensmann kriegt einen Lachanfall, hält sich aber gleich die Hand vor den Mund. Auf der Rückbank schnarchen leise die Mäuse vor sich hin.

Was war passiert? Mittagszeit: mit einem Waschlappen rubbel ich schon mindestens dreißig Sekunden der Fünfjährigen an der Stirn herum. Die Tomatensoße zwischen Augen will einfach nicht abgehen. Zugegeben, es war vielleicht nicht die cleverste Entscheidung zum Mittag Nudeln mit Tomatensoße zu kochen, wenn wir mit den Kindern nachher noch unter Menschen gehen. Aber sie mögen es gern. Insgeheim habe ich das Essen „Nudelmassaker“ genannt. Der zukünftige Gatte robbt in der Zwischenzeit über den Fußboden und versucht die Reste des Mittagessens vermischt mit Holler-Saft, Matchbox-Autos und Legosteinen unter dem Esstisch zu beseitigen. So weit, so normal bei uns.

Ich packe eine Tasche mit Essen und Trinken. Der Herzensmann verstaut die Mädchen in die Kindersitze und wartet mit ihnen geduldig im Auto. Ich renne dafür noch fünf Mal rein und raus ins Haus bis ich alles für Kind, Kegel und Mann beisammen habe. Bei uns hat sich so eine natürliche Aufgabenteilung ergeben: der Herzensmann ist für das große Ganze zuständig. Heißt: wir machen mit den Kindern heute einen Ausflug und er kennt den Weg dorthin. Ich kümmere mich um die Details: Essen, Trinken, Waschlappen, Taschentücher, Kuscheltiere, Pflaster, Sonnencreme, Wechselsachen, Jacken … Apropos. Während der Fahrt merke ich, meine eigene Jacke habe ich im Haus vergessen. Das Geschenk: Bier aus Berlin – daran habe ich auch noch gedacht und eingepackt.

Wir sind nämlich zu einem Fest eines befreundeten Kunden eingeladen. Die Kinder dürfen wir mitbringen. Irgendwie sind wir davon ausgegangen, dass es 14 Uhr startet. Vor Ort erfahren wir, es beginnt erst 17 Uhr. Also geht es zum nächst gelegenen Spielplatz. Die Mäuse toben, fallen hin, naschen etwas, rennen weiter, verewigen ihre klebrigen Händchen und Mündchen auf unseren Haaren, Schultern und Hosen. Alles wie immer. Während Mädchen und wir immer schmutziger werden, schreitet auch die Zeit voran. Jetzt können wir zum Fest fahren. Die Kinder sind, ähnlich wie wir, vom Sandkasten mittlerweile paniert.

„Können wir uns dort so blicken lassen?“, frage ich den Herzensmann. „Hmmm… ich hoffe nicht, dass es so chic wird.“, erwidert er. Wir sind beide etwas unsicher als er den Bus auf das Firmengelände steuert. Es sind noch keine Gäste weiter da. Die Mäuse hopsen aus dem Auto und tippeln los. Ich greife die Geschenke-Tüte mit dem Bier aus Berlin. Da kommt auch schon der Gastgeber. Verlegen murmle ich: „Entschuldigung, wir kommen direkt vom Spielplatz.“ Der Gastgeber strahlt uns an. „Schön, dass ihr da seid.“ Und er scheint sich wirklich über unser Bier zu freuen. Die Mäuse haben mittlerweile einen Spielzeugrasenmäher entdeckt und streiten sich darum, wer ihn fahren darf. Bevor wir dazwischen gehen können, kommt unser Bankmensch und reicht uns die Hand zur Begrüßung. Er ist in Anzug. Chic. Dahinter weitere Gäste: elegant in Anzug, Kleidern, Blazern, Blusen. Und mit Geschenken, schön in Zellophan und Schleifen aufwendig verpackt. Der Herzensmann und ich sehen uns peinlich berührt an. Mir juckt der Sand im Ohr. Unser Bankmensch begrüßt uns herzlich, während ich wieder die Spielplatz-Entschuldigung nuschle. Wir sind eindeutig underdressed und zu schmutzig.

Der Kampf um den Spielzeugrasenmäher ist vorerst entschieden. Die Große hat gewonnen. Die Kleine marschiert beleidigt von dannen. Ich eile hinterher um sie einzufangen. Mittlerweile sind auch unsere sehr geschätzte Steuerberaterin und ein weiterer potentieller Kunde von uns zum Fest eingetroffen. Der Herzensösterreicher erklärt ihnen, warum wir so aussehen wie wir aussehen. Währenddessen versuche ich den neu aufkeimenden Konflikt zwischen den Mädchen zu verhindern. So leicht will nämlich die Kleine den Spielzeugrasenmäher noch nicht aufgeben. Ich nehme sie auf den Arm und schleppe sie zu der Plauderrunde. Man reicht mir ein kleines Bier zum Anstoßen. Paniertes Kind auf dem einen Arm, ein kleines Bier in der anderen Hand – jetzt ist eh alles egal. Ich stoße mit Bankmensch, Steuerberaterin, potentiellen Kunden und dem künftigen Gatten an.

Wir mögen unseren Bankmenschen und das nicht nur, weil er für unsere Firma wichtig ist. Seit ein paar Tagen schleppt er eine ziemlich fiese Erkältung mit sich herum, kam aber trotzdem zum Fest um dem Gastgeber seine Aufwartung zu machen. Wir reden über das, was demnächst ansteht. Die Kleine auf meinem Arm wird allmählich müde und schwer. Auf einmal scheppert es und unser Bankmensch zuckt zusammen. Meine große Bonustochter hat mit vollem Karacho unseren Bankmenschen versucht umzurasenmähen. Sie hat es nicht mit Absicht getan. Sie musste eben dort lang wo er stand und seine Beine waren im Weg. Wohin sie will, warum es dieser Weg sein musste – das wissen wir nicht. Natürlich entschuldigen wir uns und ermahnen das Kind. Unbeeindruckt steuert sie schon auf das nächste Rasenmäher-Ziel zu: den Gastgeber. Zeit zu gehen. Wir wollen nicht noch mehr Eindruck hinterlassen. Die Kinder gehören sowieso ins Bett und gesäubert. Also, umgekehrt. Und wir auch.

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Zurück im Auto: Ich nehme meine klebrige Hand vom Knie des Herzensösterreichers, während er den Bus in die Auffahrt lenkt. Familie Flodder klingt doch gar nicht so doof, finde ich.

Der Berg und ich

„In 500 Metern links abbiegen … jetzt links abbiegen.“ Mit letzter Kraft drehe ich meinen Kopf zum Herzensösterreicher: „Wieso sagt ausgerechnet jetzt das blöde Navi an, dass wir abbiegen sollen? Wir biegen doch die ganze Zeit ab? Hier gibt es nur Kurven und Ecken. Wenn wir nicht gleich mal ein Stück geradeaus fahren, sage ich der vorhin gegessenen Laugenstange gleich wieder „Hallo“. Ich hätte eine Schneise zwischen die Berge gehauen und eine gerade Straße durchgezogen.“ Der Herzensmann, der auch Kameramann ist, kriegt einen Lachanfall. „Solange du noch reden kannst, ist doch noch alles in Ordnung.“, grinst er mich an. Ist es nicht. Meine Arme hängen schlaff herunter. Meine Gesichtsfarbe ist von rosig zu weiß und jetzt zu grün gewechselt. Mir ist furchtbar schlecht von den vielen Kurven. Wir sind auf dem Weg zu einem Dreh im Lesachtal in Osttirol und das Navi lotst uns durch enge und mehr als kurvige Bergstraßen.

„Und wieso baut man nicht die Häuser an einen Fleck? Stattdessen immer nur zwei, drei Gebäude, dann gefühlt 20.000 Ecken und Kurven und dann wieder nur zwei, drei. Ich fürchte, ich werde dem Protagonisten zur Begrüßung vor die Füße brechen.“ „Das heißt „speiben“, mein kleiner Flachlandpiefke.“, lacht der Kärntner Kameramann. Mir fehlt mittlerweile die Kraft zu antworten. Für die Berge bin ich einfach nicht geboren. Mein Magen ist nicht gerade, sagen wir mal, schaukelfest. Andererseits, es sind noch vier Monate bis zur Hochzeit und mein persönliches Abnehm-Bootcamp für Bräute hat noch nicht begonnen. Ich überlege, ob ich ein neues, alpines Diätkonzept auf den Markt bringe. Einfach eine Autofahrt ins Lesachtal. Man muss sich noch nicht einmal selbst bewegen. Vorher darf gegessen werden, was man will. Ein paar Kurven und das Abnehmen geht dann ganz leicht.

Meine alpinen Assimilierungsversuche sind ein wenig ins Stocken geraten. Der Berg und ich können uns nur langsam aneinander gewöhnen. Dabei liebe ich die Berge – theoretisch. Zu meiner Verteidigung, ich komme aus einer Ecke, da ist der höchste Berg der Komposthaufen hinter dem Häuschen meiner Eltern. Den Rodelhügel am Stadtrand meines Heimatortes nannten wir Kinder ehrfürchtig den „10.000 Meilen Berg“. Na ja, die Kärntner würden vermutlich einen Lachanfall kriegen, wenn sie ihn sehen würden. Als Kind sind halt die Perspektiven schon ein wenig verschoben.

Mit einer unglaublichen Geduld versucht mich der Herzensösterreicher an das alpine Leben zu gewöhnen. Jedes Jahr fragt er mich, ob ich mit ihm Eierschwammerl klauben gehe. Übersetzt heißt das „Pfifferlinge suchen“. Mit meinem Vater habe ich immer gern Pilze gesammelt. Die Brandenburger Kiefernwälder sind so herrlich überschaubar. Man latscht durch die Gegend und bückt sich halt, wenn ein Pilz des Weges kommt. So kann man viele Kilometer auf langer Ebene zurück legen. Das Eierschwammerl-Klauben in Kärnten funktioniert ein wenig anders. Das begriff ich aber erst am „Tatort“.

„Am besten ziehst du Wanderschuhe an.“, sagt der Eierschwammerl jagende Herzensmann. Ich bin gerade damit beschäftigt mich spinnensicher zu kleiden. Die versteckte Gefahr hinter dem Wanderschuhen-Hinweis höre ich gar nicht richtig. Ich bin so zugepackt, dass nur noch an meine Augen frische Luft dringen kann. Dass mich bloß keine Spinne berührt.

Man ahnt es vielleicht ein wenig, ich bin kein Spinnenfan. Als kleines Mädchen hopste ich quitschvergnügt mit meiner Familie durch heimische Kiefernwälder ohne groß auf meine Umgebung zu achten. Meine Mutter unterbrach meine Umherspringerei kurz: „Warte Kind, ich mach dir nur schnell die Spinnen vom Kopf.“ Schreiend rannte ich los. Natürlich noch durch drei Spinnennetze, wobei sich deren Bewohner ihren Artgenossen auf meinen Kopf anschlossen. An diesem Tag ging meine Unbekümmertheit der Waldhopserei verloren. Seitdem ziehe ich  mich so an, dass keine Spinne direkt auf meinem Körper landen kann.

Die Spinnenvielfalt an meinem neuen Lebensort finde ich erschreckend. Solche riesigen haarigen Viecher und alle wollen sie in unser Schlafzimmer. Mir schaudert ein wenig davor diese Biester gleich noch im Wald anzutreffen. Wir fahren, zur „Freude“ meines Magens, natürlich durch enge, kurvige Bergstraßen. Der Herzenösterreicher parkt am Fuße eines waldigen, steilen Berges. Ich: „Und wo sollen wir hier suchen?“ Der Mann sieht mich ratlos an: „Na hier!“ Der Bergfex fackelt nicht lange und marschiert zwischen den Bäumen den Berg hoch. Ich hangel mich mühsam hinten nach. Da strahlen sie tatsächlich gelb in Hülle und Fülle: Eierschwammerl. Ich klappe mein Taschenmesser aus, verliere das Gleichgewicht und grapsche ins Gestrüpp um mich festzuhalten. Volltreffer. Genau ins Spinnennetz. Handschuhe habe ich natürlich nicht angezogen. Dafür ist es doch noch zu warm. Ich fluche, schimpfe und mecker. „Alles in Ordnung?“ schallt es von weiter oben zu mir herunter. „Nein!!! Ich dachte, wir gehen Pilze suchen und nicht auf hochalpine Extremwandertouren!“ Ich kann das Augen rollen des Herzensösterreicher regelrecht hören. Beschwichtigend schickt er aber noch ein verständnisvolles „Ach Flauschi“ zu mir herunter ins Gebüsch. Die Eierschwammerl verstaue ich im Stoffbeutel. Weiter geht es nach oben. Mir ist irre warm in meinem fast spinnensicheren Outfit. Das nächste Nest Eierschwammerl leuchtet schon in der Ferne. Es ist so steil, dass ich mich fast am Hang liegend parallel zu den Pilzen hinrollen muss. Natürlich wieder durch Spinnennetze. Ich denke kurz darüber nach, ob heulen jetzt angebracht wäre – enscheide mich aber dagegen. Stattdessen bleibe ich beim Fluchen. So geht es zwei Stunden lang. Der Herzenösterreicher springt wie einIMG-20140816-WA0005 junger Geißbock am Berg entlang und erfreut sich der Pilzmengen. Ich kämpfe gegen die Steilheit des Berges und die vielen Spinnen, die nur darauf warten, dass ich auf ihr Nest falle.

Am Auto treffen wir uns mit unserer Beute wieder. „Du hast nie nach mir geschaut. Ich hätte ins Tal gepurzelt sein können und du hättest mich nie wieder gefunden. So machst du dir also Sorgen um mich.“, beschwere ich mich beim zukünftigen Gatten. „Ich musste nicht nach dir sehen, denn ich wusste dank deiner Fluchereien immer wo du bist.“ Dann küsst er mich und ich nehme mir vor, nicht mehr so ein Flachlandpiefke zu sein. Naja, ich bin stets bemüht …

Herzchenklammern

„Diese Kuh ist vom Eis!“ Ich atme entspannt durch und lehne mich in den Drehstuhl zurück. Der Herzensösterreicher und ich haben zum Wohle unserer Beziehung dann doch die Einladungsbastelei online outgesourcet. „Was hälst du davon, wenn wir …“, kündigt der künftige Gatte den nächsten kreativen Anschlag auf mich an, „… wenn wir unsere Gäste für die Hochzeit markieren?“ Angeblich kriegen in Österreich die Mitglieder einer Hochzeitsgesellschaft ein Ansteckblümchen, so dass sie als Gruppe erkennbar sind. Ich dachte immer, es reicht, sich einfach einen netten Fummel anzuziehen. Viele Menschen in netten Fummeln konzentriert an einem Ort sind doch dann auch als Gruppe erkennbar. In Österreich nicht, betont der Herzensmann. Wir überlegen kurz, ob unser Coorporate Blumenidentiy auch auf unsere Gäste ausgedehnt werden muss. Wir heiraten immerhin im Hochsommer und so ein Ansteck-Blümchen am Busen mag dann eine halbe Stunde nett aussehen, würde aber wahrscheinlich durch die Hitze noch am Befestigungsort anfangen zu vertrocknen und zu verrotten. Wir vertagen unser Markierungsproblem erst einmal.

Beruflich muss ich für längere Zeit zu lieben Kollegen nach Köln. Es sind die Tage rund um den Valentinstag. In allen Geschäften springen einem Herzchenmotive auf Gebrauchs- und Ungebrauchsgegenständen entgegen. Der Discounter in der Nähe der Redaktion hat Herzchenholzklammern im Super-Duper-Angebot. Das  soll unsere Gästemarkierung sein, beschließe ich ohne den Ehemann im spe zu involvieren. Ich brauche an die 50 Stück. Eilig stürze ich ins Geschäft. Offenbar sind die Dinger gefragt. Auf dem Grabbel-Angebotstisch gibt es nur noch 18. „Ach, macht nüscht. Dann latsch ich halt in die andere Filiale!“ Habe ich das eben laut gesagt? Eine ältere Damen blickt von ihrer Wühlerei im Bauchweg-Schlüppi-Sortiment irritiert zu mir auf. Ich zahle und freue mich über meine gute Idee.

Zurück in der Redaktion klären mich die Kollegen über den nächst gelegenden Standort des Discounters auf. Nur 1,5 Kilometer vom Büro. Nach Feierabend mache ich mich auf den Weg. Innerlich verfluche ich meinen schweren Laptop auf der Schulter und meine noch schwerere Handtasche. Mein Vater würde wieder witzeln, dass ich die halbe Wohnzimmer-Schrankwand in meiner Tasche mit mir herum schleppe. Aber ich brauche den ganzen Krempel. Damit bin ich auf jede Situation eingestellt. Na ja fast. Sollte ich unerwartet in der Stadt einen Bären begegnen, dann müsste ich mir etwas einfallen lassen.

Die nächste Filiale verfügt noch über 24 Klammern. Verdammte Axt, denke ich, wer um Gottes Willen, kauft diese blöden Klammern. Es gibt Leute, die benötigen das für ihr Eheglück und diese Leute bin ich. Natürlich kaufe ich die 24 Stück. Auf den Schildern heißt es ja immer: „Bitte bevorraten Sie sich.“ Auch wenn die Klammern noch nicht für alle Gäste reichen, ein anderer soll sich mit diesen Dinger nicht auch noch bevorraten. Angefressen und mit immer stärker werdenden Rückenschmerzen stapfe ich in meine Kölner Unterkunft. Es dämmert schon und ich überlege, was ich tun soll. Natürlich weiß Dr. Google Rat und erklärt, die nächste Filiale des Discounters liegt nur 5 Kilometer entfernt von meiner Herberge. Ich latsche ja gern durch die Gegend, also mache ich mich noch mal auf den Weg. Was Dr. Google mir nicht verraten hat, der kürzeste Weg führt durch einen dunkeln Park. Der hat auch noch einige Berge. Meine Österreicher würden jetzt wahrscheinlich über die Bezeichnung „Berge“ lachen und sie eher als kleine Pickel auf dem Weg abtun. Ich eile im Stechschritt durch die bergige Parklandschaft und pumpe dabei wie ein Maikäfer. Niemand ist da. Wahrscheinlich haben alle Schiss vor diesem gruseligen Ort. Ich hoffe, die Verbrecher auch. In meinem Kopf forme ich schon die Schlagzeile der Boulevardpresse „Braut verschwand während der Hochzeitsbesorgungen im gruseligsten Park Deutschlands“.

Irgendwann gibt es tatsächlich Licht am Ende des Parks. „Ein hohes Gebäude!“, jubel ich innerlich. „Menschen! Zivilisation!“, freue ich mich und beschleunige noch weiter meinen Gang. Ich trete aus dem Park hinaus vor ein Hochhaus. Dieser Leuchtturm, der mich aus dem Park leitete, heißt „Pascha“. Jetzt dämmert es mir. Das Hochhaus ist ein Puff. Ein unfassbar großer Puff. Ich starre das Gebäude an. Ein Mann drückt sich an mir vorbei, stellt seinen Kragen hoch als er meinen verwirrten Blick sieht und geht hinein. Vom gruseligen Park zum Hochhaus-Puff für Herzchenholzklammern, dringend benötigt auf der Trachtenhochzeit. Ich überlege, ob ich diese Geschichte jemals meiner Oma erzählen werde. Daneben steht der Discounter. Ich schicke ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Wenn es da jetzt nicht die restlichen blöden Herzchenklammern gibt, dann … dann … dann … Wurscht. Ich gehe in den Laden. Es gibt sie, genug Herzchenklammern für alle Gäste. Mehr als nötig. Ich nehme sie alle und reihe mich zwischen bulligenKlammer Herren in der Warteschlange an der Kasse ein. Wir werfen uns gegenseitig prüfende Blicke zu. Offenbar gehen hier Energiedrinks und Fleischwurst gut, stelle ich fest. Ich bezahle und stehe wieder draußen. Der Parkplatz zum dazugehörigen Puff nebenan hat sich mittlerweile gefüllt. Na gut, denke ich, dann hab ich auch diese Kölner Sehenswürdigkeit zumindest mal von außen gesehen. Hoffentlich erkenne ich gleich noch den Weg im mittlerweile finsteren Park.

Sie traut sich – tatsächlich!

Und dann ging irgendwie alles ganz schnell. Der Herzensösterreicher malert zusammen mit seinem Vater meine Berliner Altbaubude als würden sie nach Anstrich pro Sekunde bezahlt werden. Währenddessen versorgen Papa und Bruder die österreichischen Gastarbeiter mit Brandenburger Bockwurst, Spreewaldgurken und hausgemachten Kartoffelsalat. Mit jedem Knacken beim Biss in die Wurst wird mir doch ein wenig schwerer ins Herz. Das war es nun. Nachdem mein Berliner Leben im Transporter verstaut ist, kommt schon die Vermieterin. Mit Argusaugen und tiefem Schnaufen begutachtet sie die Wohnung. Mal sehen, wie schnell sie dafür einen Nachmieter findet, meint sie. Wir verabschieden uns und ich bleib noch einen Moment allein zurück. Ich setze mich in mein Wohnzimmer und lasse noch einmal die Parties, Liebelein, Glücksmomente und Dramen in dieser Wohnung vor meinem inneren Auge lebendig werden. Na ja, ich bin eigentlich noch beim Vorspann, da geht schon wieder die Tür auf. Nach nur fünf Minuten steht die Vermieterin mit einer potentiellen Interessentin in meiner Wohnung (immerhin gehört sie mir noch 7 Stunden, dann ist der Vertrag beendet) und schwärmt ihr vor, dass sie sich schnell entscheiden müsse, so begehrt sei die Wohnung. Sie entdeckt mich: „Sie sind noch da?“ Das ist mein Stichwort. Zeit zu gehen, ohne viel Tamtam.

Die nächsten Monate fliegen nur so dahin. Jobs aus Deutschland und Österreich lassen mich noch nicht merken, dass ich von der Großstädterin zum Landei geworden bin. Das Pendeln bleibt. Gut so. Nur Zeit zum Schreiben des Blogs ist erst einmal keine da. Der Herzensösterreicher drängt zum Weitermachen. „Du bist immerhin noch lange nicht assimiliert“, lacht er. Ich brauche aber doch ein neues Thema über das ich schreiben kann, erkläre ich immer wieder. Das wird mir nach einem erneuten Arbeitsaufenthalt in Deutschland geliefert. Der Herzensösterreicher stellt die entscheidende Frage. Und ich? Kann nicht antworten. Das sogenannte Heulsusen-Syndrom bricht bei mir wieder aus. Er ist ganz erschüttert: „Willst du denn nicht Frau Herzensösterreicher werden?“. Natürlich will ich. Das Schluchzen verschluckt nur irgendwie das „Ja“.

Wir heiraten in Tracht. So viel steht fest. Unser Leitmotiv für die Heirat ist auch klar: Spreewaldgurke trifft auf Zirbenschnaps. Ich bekomme Schnappatmung, wenn ich daran denke, was wir nun alles organisieren müssen. Für viel Geld kaufe ich Hochzeitszeitungen, Hochzeitsratgeber und Hochzeitsterminkalender. Der Tenor in allen: Sie heiraten schon in einem Jahr? Vergessen Sie es! Sie sind schon viel zu spät dran! Und die Kosten? Ich überlege kurz, wie viel ich für meine Niere auf dem Schwarzmarkt verlangen könnte. Der Herzensösterreicher und ich beschließen es dann doch etwas bescheidener angehen zu lassen. „Wir könnten unsere Hochzeitseinladungen selbst basteln“, schlägt der künftige Gatte vor. Ich bin mir nicht sicher, ob er meine jüngste Bastelkatastrophe aus Ballons zu seiner Rückkehr aus den USA vergessen hat. „Dann ist es auch persönlicher“, argumentiert er. Meinen Einwand, dass man aber sehen würde, wer von uns beiden welche Einladung geschustert hat, lässt er nicht gelten. Ich komme mit Kinderarbeit. Bei meinen zusammen gekleisterteten Versuchen könnten wir leicht in Verdacht geraten, wir hätten mein zweieinhalbjähriges Zusatzkind  zum Basteln verdonnert. Zwecklos.

Ich zeige guten Willen und versuche etwas : Ich schreibe einen Einladungstext, mops mir ein paar Hintergründe und drucke für den Entwurf unsere Toner-Patronen halb leer. Jetzt die große Herausforderung. Ausschneiden. Mit Schere wage ich mich nicht daran. Dann kriegt der Rand ein unfreiwilliges Zackenmuster. Ich nehme die Papierschneidemaschine. Zuvor versichere ich mich, dass unser Erste-Hilfe-Kasten gut gefüllt ist. Der Herzensösterreicher ahnt nichts davon. Er filmt gerade irgendwo. Ich weiß nicht wie ich es gemacht habe, aber auch mit der Schneidemaschine habe ich Zacken in den Rand geschnitten. In meinem Kopf erschaffe ich kreative Flüche und Kraftausdrücke. Das soll eigentlich aussehen wie eine Broschüre. So der Plan. Wie befestige ich nun die Seiten? Tackern wäre praktisch und günstig. Ich tue es. Die Tackernadeln klemmen im Tacker. Ich fummel darin rum und steche mir in den Finger. Flüche und Kraftsausdrücke 2.0 entweichen mir.

Ich stürze in den Bastelladen in der Nähe unseres Büros. Zwischen Drähten, Bändchen, Papierchen, Schnullichen stehe ich verloren und muss an meine kreative Schulfreundin aus der Abizeit denken. Immer, wenn sie irgendwo ein Schnulli-Ding entdeckt hatte, sei es eine Feder, eine Perle oder ein Stück buntes Papier, steckte sie es ein. Irgendwas hat sie immer daraus gebastelt. Ich greife nach einer Styropor-Kugel und habe keine Ahnung, was man aus all diesem Kram hier machen soll. Trotzdem will ich irgendwas kaufen. Es werden Nieten für Jeanshosen. Damit kann man doch bestimmt auch Papier aneinanderheften. Ich packe alles im Büro aus. Eine Anleitung zur Befestigung der Nieten ist vorhanden. In allen Sprachen, nur nicht auf deutsch und englisch. Youtube hilft. Es gibt tatsächlich Tutorials über die Anwendung von Jeans-Nieten. Irre! Ich brauche auch nur einen Hammer. Davon haben wir einen im Büro. Ein beherztes Draufhauen auf die Niete und das Ding sitzt. Theoretisch. Ich haue drauf. Daneben. Stimmt nicht ganz. Ich treffe meinen Zeigefinger. Flüche und Kraftausdrücke 12.0! Ich haue ein zweites Mal zu,

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treffe die Niete und das Papier der Einladung zerreist. Mein Geduldsfaden auch. Ich schicke dem Herzensösterreicher eine Nachricht, dass „Basteln“ eine Belastung für die Beziehung darstelle und ich nicht garantieren kann, ob ich nach 50 selbst zusammen gehämmerten Einladungen, noch genug Finger für einen Ehering habe. Der angehende Gatte schreibt, dass er sich auch noch daran versuchen wolle … Fortsetzung folgt.

 

 

„Grüß Gott!“…

… Das ist jetzt schon das fünfte „Grüß Gott“ in diesem Geschäft. Allmählich komme ich ins Grübeln. Meine stetige Erwiderung „Hallo“ kommt vielleicht nicht so gut an und das ist eine Art sanfte Umerziehungsmaßnahme. Ich darf mich erst den Produkten widmen, wenn ich brav mit „Grüß Gott“ antworte. Ich traue mich nicht. Als ich mich neulich in Tirol an einem zaghaften „Servus“ versuchte, brachen der Herzensösterreicher und unser Tiroler Protagonist in schallendes Gelächter aus. Den Grund haben sie mir allerdings nicht verraten. Stattdessen baten sie mich „Servus“ zu wiederholen, um dann wieder zu lachen. Der Herzensösterreicher behauptet ja, wenn ich einen Österreicher mit „Hallo“ begrüße, dann duze ich ihn. Da könne ich ihn auch gleich kumpelhaft in die Seite knuffen oder auf die Schulter hauen. Der Kärntner Landeshauptmann und ich halloen uns trotzdem auf den Pressekonferenzen und bleiben beim „Sie“.

Ich bin in meinem österreichischen Lieblingsladen, dem „Lagerhaus“. Hier gibt es alles. Sogar Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie braucht. Ich stehe im Geschäft und wundere mich nun, wie ich so lange ohne diese Dinge auskommen konnte. Eigentlich will ich hier nur die weltbesten Kärntnernudeln von der Nudelfachfachfrau Martina Hinteregger kaufen. Später. Hinter dem Regal mit Pferdebedarf lacht mich das Winzer-Regal an. So ein Weinfass ist schon dekorativ. Und dann erst die Korken-Auswahl. Ich überlege kurz, wie meine Strategie aussehen könnte. Wie mache ich dem Herzensösterreicher eine Zweit-Karriere als Winzer schmackhaft? Meine Idee mit einem eigenen Spargelbeet und einem Einlege-Gurkenfeld hat er immerhin mit seinem knappen: „Aha.“, nicht abgelehnt. Gut, das Gurkenfeld und das Spargelbeet existieren bisher erst in meinem Kopf, aber das wird schon.

Ich rolle das Weinfass zurück ins Regal und bleibe bei den Kuhglocken hängen. Irre. Die kauft man hier tatsächlich für seine Kühe. Natürlich muss ich die größte einmal in die Hand nehmen. Meine Bimmelei lässt den jungen Lagerhaus-Azubi herbeispringen. Das Beratungsgespräch zu den Kuhglocken lehne ich rasch ab und widme mich den Dirndeln. Eigentlich könnte ich noch eines gebrauchen. Das andere ist etwas eng. Genau genommen, ist es knall-eng. Ich staune, wie sehr der Nähte und der Reißverschluss immer noch mein Gezerre, Gestopfe und Gewürge mitmachen. Das Dirndl kaufte ich vor Jahren in München. In Bayern hatte ich mehrere Tage beruflich zu tun. Mittendrin platzte ein Dreh. Die Redaktion entschied, dass es günstiger ist, wenn ich mir einen schönen Tag in München mache als nach Berlin und dann wieder zurück zu fahren. Nach dem ich pflichtschuldig ein Museum besucht habe, rannte ich schnurrstracks in ein Dirndl-Outlet. Ich hatte nicht wirklich vor, mir eines zu kaufen. Trotzdem warf ich mir eines über und es sah wirklich reizend aus. Selbst meine Simpsons-Socken an den Füßen gaben dem ganzen Outfit einen besonderen Pfiff. Ich rief meine Mutter an, um sie um Rat zu fragen. Ich sprach das Wort „Dirndl“ noch nicht zu Ende, da rief sie durch den Hörer: „Kaufen!“. Auf meine Einwände zum Preis und zu den Tragegelegenheiten konterte sie nur mit „Kaufen!“. Na ja, und weil ich eine brave Tochter bin, habe ich auf sie gehört.

Ich entscheide mich heute nicht anzurufen. Was wollte ich hier gleich noch mal kaufen? Mein Blick huscht vorbei an den Spielzeugbaggern zu den Schrauben. Sofort schmerzt mein linker Backenzahn. Vielleicht habe ich mich doch mehr in Tirol verletzt als ich es ursprünglich bemerkt habe.

Erst vor wenigen Tagen drehten der Herzensösterreicher und ich in Tirol. Die Tiroler sind die Hamburger von Österreich. Durchaus nett, aber sie überschütten einen nicht gerade mit Liebe. Und schon gar nicht eine Berliner Piefke wie mich, die auch noch so komisch hochdeutsch redet. Es mag sein, dass die von mir empfundene Kühle auch mit meiner nicht vorhandenen Jacke zusammen hing. Die hatte ich nämlich cleverer Weise vergessen. Im März! Eine Suppe kann da von innen wärmen. Wir entschieden uns zu einem Abendessen im Brücknstadl in Mayrhofen. Ich bestellte eine Tomatensuppe. Zugegeben, ich fand es schon seltsam, dass die Suppe jedes Mal klirrte, wenn ich den Löffel eintunkte. Nach dem ich die Hälfte bereits ausgelöffelt hatte, biss ich auf etwas Hartes. Eine Schraube! Ungläubig zeigte ich dem Herzensösterreicher die Suppeneinlage. Er: „Wie kommt die denn da rein?“ Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich eine Antwort von mir erwartete. Wir winkten die Bedingung heran, die sich schon vorher nicht mit großem Engagement bekleckerte. Sie murmelte nur: „Keine Ahnung, wie das da rein kommt. Ich frage mal den Koch.“ Dann passierte 10 Minuten nix. Dann kam noch eine zweite Bedienung. Sie sagte knapp: „Die Köche können sich das auch nicht erklären. Entschuldigung.“ Wie hätte auch so eine Erklärung ausgesehen? Die Bedienung verschwand. Ich hatte zwar keinen Hunger mehr, aber ich hätte es schon gut gefunden, wenn mir wenigstens Ersatz angeboten worden wäre. Nichts. Wenigstens musste ich die Suppe mit Extra nicht bezahlen. Mit Liebe gekocht war diese sowieso nicht.

Notiz an mich: Neue Schraubenzieher für den Umzug besorgen.

„Das ist kein Fleisch! …

Das sind quasi Vitamine.“, lacht mich der Herzensösterreicher an und beißt genüsslich in die WAC-Wurst. Wir hatten uns ja eigentlich vorgenommen, weniger Fleisch zu essen. Das heißt, der Herzensösterreicher hat das beschlossen. Ich freue mich sowieso mehr über eine Spreewaldgurke als über eine Wurst. Nun ist mein Herzblatt derjenige, der nicht an dem österreichischen Fussball-Bundesliga-Bratwurst-Stand vorbei kommt. „Die haben eine eigene Mischung für den Inhalt der Wurst.“, klärt er mich auf,  während er dieses riesige Ungetüm in einen noch riesigeren Senf-Berg tunkt. Die junge Bratwurst-Verkäuferin war wirklich großzügig. Wie eigentlich alle in Kärnten, wenn es um Essen geht. Die Essensportionen sind hier so üppig, dass ich regelmäßig in ein Fresskoma falle. Ich überlege ernsthaft, in Zukunft bei der Bedienung einen Seniorenteller zu bestellen. Ich würde sogar, um die Glaubwürdigkeit meiner Bestellung zu unterstreichen, die Serviererin mit „junges Frooooooilein“ anreden.

Wir sind in Wolfsberg. Der Herzensösterreicher filmt hier heute Fußball. Weil es praktisch ist, bin ich mit dabei und schaue mir das Spiel an. Es handelt sich immerhin um die erste Bundesliga. Na ja, es gibt in Österreich nur eine Bundesliga. Alles darunter heißt irgendwie anders. Es ist eben alles etwas kleiner als in Deutschland. Bis auf die Essensportionen. Als Freundin des Herzensösterreichers mit Kameraaufgabe bekomme ich ein Schildchen, dass mir quasi Zutritt bis in die Herrendusche der Mannschaften erlaubt. Ach ja, freie Platzwahl habe ich auch. Dennoch entscheide ich mich, nicht auf der Trainerbank zu sitzen. Fußbälle tun doch ganz schön weh und die Wahrscheinlichkeit dort einen abzubekommen, ist mir zu hoch.

Meine Angst vor fliegenden Bällen hat sich schon im frühesten Schulalter manifestiert. Ich ging damals in die erste Klasse. Meine Mutter entschied, lange Haare stören beim Schreiben und Lesen lernen. Und wie fast alle DDR-Kinder Ende der 80er Jahre bekam auch ich einen Vokuhila verpasst. Eine Vorne-Kurz-Hinten-Lang-Fussballer-Matte. Meine Eltern erzogen mich früh zur Selbstständigkeit. So stand ich allein mit Vokuhila auf dem Kopf und einem 1-Mark-Stück in der Hand vor der Bäckersfrau. Die blickte freundlich zu mir herunter und fragte: „Na, mein Kleiner, was möchtest du denn?“ Nach meinem kleinlauten Einwand, dass ich doch ein Mädchen sei und gern ein Mischbrot kaufen möchte, wandte sie sich zu ihrer Kollegin und sagte: „Ich hab se jetze echt für nen Jungen gehalten.“ Eine Freundin im Studium offenbarte mir später einmal ihr Vokuhila-Trauma. Sie war mit ihrer liebsten Kindergarten-Freundin im Spielzeugladen und die Verkäuferin sagte zu ihr: „Möchte der kleine Mann seiner kleinen Freundin etwa ein kleines Geschenk machen?“

Jedenfalls trugen fast alle Kinder damals die Vokuhila-Frise. Wahrscheinlich entschied deshalb unser halbstarker Betreuer im Hort, jetzt spielen wir Fussball. Jungs gegen Mädchen. Ich weiß nicht mehr, ob ich die erste war, die den Ball ins Gesicht bekam und heulte. Am Ende heulten jedenfalls alle Mädchen und meine Profifußball-Karriere war beendet. Seit dieser Zeit ducke ich mich, sobald ich überhaupt einen fliegenden Ball im Augenwinkel sehe.

Nach und nach trotten die ersten Fans ins Stadtion ein. Alles ist so ruhig, dass selbst die paar Mann Security am Eingang gähnen. Die Fans sind so anständig, dass es nichts zu beobachten gibt. Da ich auch schon das Internet auf meinem Smartphone ausgelesen habe und immer noch Zeit bis Spielbeginn ist, entschließe ich mich zum gepflegten Glühweinmost trinken. Das knallt nicht ganz so schlimm wie Glühwein und man muss nicht so oft auf die Toilette wie beim Bier. Die Dame am Stand ist dankbar über Gesellschaft und verwickelt mich gleich in ein Gespräch: „Sie sind aber nicht von hier?“ Ich verkünde stolz, dass ich aus Berlin bin. „Da sind Sie aber bestimmt anderen Fußball gewöhnt. Wissen Sie, wir sind besser im Schnee als auf dem Rasen.“ Ich bin auf keinem gut, will ich ihr entgegnen, verbrühe mir aber mit Glühweinmost erst mal die Hand.

Das Spiel geht los und ich eile schnell in Richtung Trainerbank, da es zum Sitzen auf der Tribüne doch zu kalt ist. Mit gehörigem Sicherheitsabstand zum Rasen finde ich ein feines Plätzchen neben einem Polizisten. Von dort aus kann ich dem Herzensösterreicher schön bei der Arbeit zu sehen. Doch noch besser sind die Aufwärm- und Dehnübungen der knackigen Spieler. Da schwabbelt wirklich nichts. Das Spiel will dafür nicht so richtig in die Gänge kommen. Da ist auf den Anzeigenflächen der Bande mehr los. Ein Molkereibetrieb, ein Rinderwirt und die Sexshopkette Orion werben blinkend mit Produkten für den täglichen Bedarf. Ach fein, wie die unterschiedlichen Branchen den österreichischen Fußball unterstützen. Rechercheaufgabe für mich: die Bandenwerbung in Deutschland mal auf Branchenvielfalt untersuchen.

Die erste Halbzeit neigt sich dem Ende zu, aber immer noch kein Tor. Ich quatsche den Polizisten neben mir an: „Na, ist nüscht zu tun, wa?!“ Er grinst mich freundlich an: „Unser Sicherheitskonzept geht eben einfach auf.“, erwidert er. Ich blicke in den Gästeblock. Etwa 15 Leute stehen dort und feuern das Auswärtsteam an. Und genauso viele Polizisten stehen dort und schirmen sie von den einheimischen Fans ab. „Man setzt hier wohl auf Manndeckung, aber so wirkt es durch die Polizisten wenigstens nicht so leer.“, scherze ich. Dann endlich ein Tor. Gott sei Dank. Jetzt passiert doch etwas. Der Polizist analysiert für mich ausführlich die Spielzüge. Ich nicke nur. Mich irritiert zu sehr die Sponsorenplatzierung auf der Kleidung des Fußballvereins WAC. Warum hat man das Logo der „Kleinen Zeitung“ direkt auf den Arsch der Spieler gedruckt? Ich erkläre den Polizisten, dass das doch eine ganz blöde Botschaft vermittelt. Und so analysiert er weiter Spielzüge und ich die Optik.

Es gibt am Ende kaum Nachspielzeit und die heimische Mannschaft gewinnt. Irgendwie scheinen alle froh, jetzt schnell nach Hause zu können. Feierstimmung geht anders, denke ich und werfe noch mal einen Blick auf den Glühweinmoststand. Der ist ausverkauft. Jetzt eine Bratwurst, denke ich noch … doch da ist auch schon der Herzensösterreicher fertig mit der Arbeit.

Notiz an mich: Karten für ein Berlin-Derby besorgen.

„Wenn Se bitte da unten untaschreibm würdn, wa!“…

… Viel lieber würde ich mich jetzt ins Bett legen und mich ganz meiner Erkältung hingeben. Aber ich habe keine Zeit dazu. Super kurzfristig musste ich schnell nach Berlin. Ich brauche ein polizeiliches Führungszeugnis, mein Versicherungsmensch will kommen und diverses regeln. Die KfZ-Zulassungsstelle muss ich auch aufsuchen. Regale und Schränke abschrauben und meine Vermieterin will sich überzeugen, dass ich keine zerstörungswütige Messi-Mietnormadin bin. Ich habe vier Tage Zeit, um das schnell zu erledigen. Aber meine Erkältung bremst mich gerade aus.

Nun stehe ich hier mit 60 anderen Leuten schon eine Stunde vor dem Neuköllner Bürgeramt. Und das eine Stunde vor der eigentlichen Öffnungszeit. Wir stehen hier und warten darauf eine Wartenummer zu kriegen, um dann warten zu dürfen. Der erfahrene Berliner Behördengänger könnte jetzt einwerfen, dass man sich auch einen Termin holen könnte. Ja, aber das geht in der Regel nur zwei Monate vorher! Ein Beamtinnen-Duo des Bürgeramts sammelt Unterschriften in der Schlange, weil „Dit is ja och keen Zustand, wa. Dit jeht so nich weita. Also, unterschreiben Se, damit dit aufhört.“ Ich weiß zwar nicht genau, was sie konkret ändern wollen, dennoch unterschreibe ich. Meine neue Warteschlangen-Freundin verkürzt mir die Zeit mit ihren Festival-Geschichten. Genau genommen rekonstruiert sie mehr für sich selbst als für mich ihre Festival-Tage anhand der unterschiedlichen Spirituosen-Sorten. „Ich war die ganze Zeit nur hacke. Und was machst du so?“, strahlt sie mich morgens in aller Herrgottsfrühe in dieser verdammten Warteschlange an. Mir tut mein Rücken weh und ich muss mich abstützen. Ich überlege kurz, ob mich ein kleiner Ohnmachtsanfall an die Spitze der Schlange katapultieren würde. Die Schlange setzt sich in Bewegung. Wartenummern werden ausgegeben und seltsamerweise komme ich vor allen anderen dran. Mein Anliegen ist wohl exotischerer Natur als das der anderen. Im kleinen Büro wartet eine Dame, die in ihrer Art und Optik locker die Schwester der DDR-Entertainerin Helga Hahnemann sein könnte. „Watt, Se brauchn nen Führjungszeugnis? Se sehn doch janz nett aus?“ Fehlt nur noch, dass sie mich in ihrer Herzlichkeit an ihre Brust drückt. Offensichtlich ist das die neue Charmeoffensive der Berliner Ämter. Gefällt mir. „Ich finde mich auch ganz nett, aber die Österreicher wollen sehen, dass ich wirklich nicht auf Krawall gebürstet bin.“ Wir finden uns beide super, so dass sie mich am Ende sogar duzt.

Kurz darauf sagt mein Versicherungsmensch ab. Er kommt immer mit dem Zug aus der ostdeutschen Provinz zu mir gereist. Diesmal hatte ein Selbstmörder etwas dagegen. Nun steckt der Versicherungsmann irgendwo im nirgendwo fest und weiß nicht, ob und wie es weitergehen soll. Dafür ist meine Vermieterin überpünktlich. Im Prinzip winkt sie meine Wohnung durch, aber so richtig gehen will sie nicht. Ich weise sie auf die kaputten Fenster meiner geistig verwirrten Nachbarin hin. Die hat sie in der jüngsten nächtlichen Schreiaktion innerhalb von 30 Minuten zerdeppert. Es ist ja doch noch ziemlich kalt. „Lebt sie denn noch?“, will meine Vermieterin wissen, um dann gleich noch ein paar Schauergeschichten nachzuschieben. „Wissen Sie, ich habe es satt, ständig Leichen aus der Wohnung zu holen. Einmal lag ein Übergewichtiger 5 Wochen in einer unserer Wohnungen und ich habe ihn entdeckt. Es war schon ziemlich warm zu der Zeit. Sie können sich also vorstellen, wie das stinkt.“, erzählt sie. Kann ich nicht, will ich nicht. Ich beschließe, es ist Zeit, dass sie geht. Ich muss noch Regale abbauen.

Ich hatte ehrlich vergessen, wie verdammt schwer die Bretter vom Billy-Regal sind. Erkenntnis Nr. 1 aus meiner Abbauorgie: Festes Schuhwerk anziehen, wenn man Schränke demontiert. Ich weiß nicht, was mehr weh tut. Die Schrauben, auf die ich ständig trete oder die Bretter, die auf meine Zehen fallen. Erkenntnis Nr. 2: Der Knochen wird nicht elastischer, wenn man immer wieder auf dieselbe Stelle Bretter fallen lässt. Meinen Erkenntnisgewinn teile ich dem Herzensösterreicher mit. Der ist noch in Kärnten und muss arbeiten. Er versichert mir, dass er mich auch mit nur einem Zehen lieben würde. Gut zu wissen, es sind nämlich noch nicht alle Regale abgebaut.

Bei einem günstigen Autoverleih miete ich mir ein Auto. Meine kaputten Möbel will ich zum Recycling-Hof fahren. Beim Einstapeln der Bretter und Überreste fällt mir wieder ein, Tetris war nicht mein Lieblingsspiel. Schneller als 30 km/h sollte ich wohl nicht fahren. Andernfalls riskiere ich bei einer Bremsung mein K.O. durch ein irrlichterndes Regalteil. Der Berliner Autofahrer hat nicht so viel Verständnis für meine Sorge um meinen Bewusstseinszustand. Er versucht mich durch diverse Hupkonzerte zum schnelleren Fahren anzuspornen. Der BSR-Recyclinghof: ich gebe zu, ich bin jetzt ein bisschen verliebt in die Müllmänner dort. Ich klimpere mit den Augen und hauche meine Fragen. Das zeigt Wirkung. „Wart mal, Mäuschen, dit macht der Dieta schon.“, sagt der Dieter und hilft mir nicht nur beim rückwärts einparken, sondern auch bei der Entsorgung der blöden Billy-Regal-Teile.

Jetzt muss ich mich noch schnell renovieren und dann zur wichtigsten Verabredung in den kurzen Berlintagen. Ich treffe mich mit Steffen, meiner verflossenen großen Berliner Liebe. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen und hatten auch sehr sehr lange keinen Kontakt. Vieles haben wir nicht geklärt. Das Tragische am Ende unserer gemeinsamen Zeit war: Wir scheiterten nicht an der Liebe, sondern an den Umständen und Bedingungen. Das ist wohl eine der traurigsten Varianten, warum eine Beziehung enden muss. Jetzt stehe ich viel zu früh am U-Bahnhof Nollendorfplatz und bin aufgeregt. Als ich ihn um ein Treffen gebeten habe, geschah das aus einem Impuls heraus: Ich will mit den Geistern der Vergangenheit aufräumen. Wir freuen uns beide über unser Wiedersehen und können gar nicht aufhören zu erzählen. Und so viel auch passiert ist in unser beider Leben, wir sind doch immer noch sehr vertraut und trotz allem einander zugetan.

Wir schwelgen ein bisschen in Erinnerungen unserer gemeinsamen WG-Zeit. Eigentlich waren wir damals vier Mitbewohner, aber irgendjemand hatte immer Besuch. Unsere damalige polnische Mitbewohnerin hat bei ihrem Gras-Dealer immer die Pflanzen gegossen, wenn er im Urlaub war. Das war ziemlich stressig für sie, weil die Viecher einfach wahnsinnig empfindlich sind. Aber durch ihren Freundschaftsdienst profitierten wir alle in der WG davon. Einmal packten wir das Zeug in Steffens Wasserpfeife und konnten nicht mehr aufhören zu lachen. Der einzige, der nicht lachte, war der damalige Freund unserer Mitbewohnerin. Er war ein ganz schöner Macho und verlangte von ihr, dass sie ihm ständig etwas zu essen macht. An dem Abend war sie aber nicht einmal in der Lage ein paar Eier in die Pfanne zu hauen. Das heißt, die Eier landeten schon in der Pfanne, mit viel Schale. Es knirschte, wenn er kaute. Vielleicht hat ihn das etwas kuriert.

Am Ende meines Treffen mit Steffen packe ich mein Herz auf den Tisch: Ich habe Torschlusspanik vor dem Schritt Berlin zu verlassen. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Brücke unter mir zerbröckelt und ich mache den letzten Sprung nicht. Steffen sieht mich an und trifft den Nagel auf den Kopf: „Du hast das Gefühl, hier Brücken abzureißen, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Du baust sie zum Teil ja gerade wieder auf und das noch stabiler. Er hat recht.

Notiz an mich: Arbeitsschuhe besorgen.